Interview: Väter in der Elternzeit – oder „The Walking Dad“

Heute möchte ich mich einem Thema widmen, das für viele noch „Neuland“ ist: Väter in Elternzeit. Danke an Torben Andresen vom Wandervideoblock, der mir für das folgende Interview Rede und Antwort stand und viel Spaß beim Lesen!

Name des Papas: Torben (Andresen)

Alter des Kindes / der Kinder: 2,6

Ab wann stand für dich fest, dass du in die Elternzeit gehen wirst?

Seit dem der Wunsch nach einem gemeinsamen Kind reifte, ist uns eines klar gewesen: In unserer Einkommenssituation, in der meine Frau beruflich bedingt den Hauptanteil für das notwendige Familieneinkommen beisteuert, ist das klassische „Mama-Daheim-Modell“ für einen längeren Zeitraum kaum tragfähig. Die, noch vor der Schwangerschaft realisierte Selbstständigkeit meiner Frau trug ihr übriges dazu bei. Erst später wich der geschilderte „Familieneinkommens-Pragmatismus“ dem tieferen Wunsch, meinem Sohn längere Zeit näher sein zu dürfen und die Chance auf eine „Auszeit von der Arbeitsmühle“ wahrnehmen zu können.

Was sagt deine Frau dazu?

Da es eine jahrelang gereifte Entscheidung darstellte, welche bereits früh Bestandteil der eigenen und partnerschaftlichen Lebensplanungen war, stellte die gewählte Form der Elternzeit von Beginn an Normalität für uns dar. Ebenso wie ich keine besondere Meinung zu „Meine Frau daheim beim Sohn“ gehabt hätte, geht es meiner Frau ebenso mit mir in Elternzeit. „So ist es halt bei uns.“ Anders verhält es sich mit gegenseitiger Wertschätzung: Meine Frau hat mir immer wieder viel Wertschätzung und Respekt für mich als „Vater in Elternzeit“ entgegengebracht. Ich das selbe im Übrigen auch für ihr Opfer – als Mutter bewusst nicht viel Zeit mit dem Kind haben zu können und Vollzeit arbeiten zu müssen. Etwas, was ihr anfangs nicht leicht gefallen ist.

Welches Modell der Elternzeit hast du gewählt?

Ich bin zu Hause seid dem mein Sohn zur Welt gekommen ist und auf der Neo-Station versorgt werden musste. Ursprünglich wollte ich nur das erste Lebensjahr zu Hause bleiben, doch der Schock der Frühgeburt hat bei mir im Kopf die Prioritäten neu ordnen lassen. 3 Jahre Elternzeit fühlten sich einfach „richtiger“ an, bei einem Kind das einen schweren Start ins Leben gehabt hat. Nach gut 2 Jahren, in denen sich mein Sohn jedoch prächtig entwickelte, wurde meine Planung erneut durcheinander gewirbelt. Mir fiel zusehends zu Hause die Decke auf dem Kopf, mein Weggebrochenes Einkommen lies sich auch nicht mehr ohne weiteres kompensieren und ich mutierte zusehends zu einer Art „Väterlicher Glucke“ -kein Spaß für alle Beteiligten. So habe ich im September 2014 den beruflichen Wiedereinstieg in Teilzeit in Angriff genommen und die Elternzeit pausiert. Die verbleibenden 9 Monate habe ich für einen späteren Zeitpunkt aufgehoben. Eine gute Entscheidung…der Alltag fühlt sich seid dem wieder abwechslungsreicher an und mein Kopf freut sich über den regelmäßigen Anforderungswechsel.

Wie kam deine Entscheidung bei deinem Chef und deinen Kollegen an?

Als Logopäde, einem sozialen Berufsbild mit starkem Frauenanteil sind Überlegungen wie die meine kein sonderlich „großes Ding“. Mein Abteilungsleiter und meine KollegInnen, mit denen ich auch gleichsam freundschaftlich verbunden bin, wussten schon immer das ich „im Falle des Falles“ den Part des Daheimbleibenden einnehmen würde. Wer nun allerdings so wie ich in einer Klinik arbeitet, hat auch noch mehrere Verwaltungsebenen über sich als „nur“ den Abteilungsleiter. Auch hier muss ich sagen, das sich mein Arbeitgeber als modern und aufgeschlossen gibt. Vereinzelte „Macho-Sprüche“ muss man sicher immer aushalten können, doch in der „Sache“ ging es immer Verständnisvoll und meinen Wünschen entsprechend zu. Besonders sei hervorzuheben, das es für meinen Arbeitgeber kein Problem darstellte, als ich mich aufgrund einer schwer verlaufenden Schwangerschaft mit langem Krankenhausaufenthalt seitens meiner Frau, nicht mehr in der Lage fühlte meinem therapeutischen Alltagsgeschäft nachgehen zu können. Meine Frau brauchte mich zudem an ihrer Seite. Auch ein unkomplizierter Beginn meiner Elternzeit weit vor dem eigentlich errechneten Geburtstermin und das „Nicht-Beharren-auf-Fristen“ während der Elternzeit halte ich meinem Arbeitgeber zu Gute.

Was sagte dein Kind zu dieser Entscheidung?

Hmmm….du, der spricht sowas von undeutlich… 😉 Wenn mit der Frage aber auch gemeint ist, ob ich irgendwie bemerke, dass der „Elterliche Rollenwechsel“ eine Bedeutung für ihn zu haben scheint, dann können sowohl ich als auch meine Frau dies verneinen…es hat für ihn zu keinem Zeitpunkt anscheinend eine Rolle gespielt wer sich jetzt von uns beiden um ihn kümmert. Manche hegen die Vermutung, er sei wegen mir in den ersten Lebensabschnitten „so ruhig und ausgeglichen“ gewesen….wäre ne schöne Theorie, nur dann müsste ich es auch auf mich beziehen, das er derzeit eine extrem wilde Trotzphase durchlebt und uns das Leben bisweilen zur Hölle macht 😉 Ich bin aber schon sehr gespannt was er später mal zu der Rolle seines Vater sagen wird, wenn er mitbekommt wie es „klassisch“ bei anderen gelaufen ist. Wenn es dann überhaupt für ihn eine Rolle spielt.

Wie fühlst du dich in der Rolle des Hausmanns?

Hausmann, Hausfrau, Haustier…da gibt es bei uns nur letzteres. Jetzt mag man sich fragen „Na toll…macht das dann alles noch die Frau neben der Vollzeitarbeit?“ Nöö….wir sind schon immer äußerst chaotisch in Sachen Haushaltsführung gewesen. Wohl auch, weil wir beide diesem Punkt nicht mehr wertvolle Lebenszeit zusprechen wollen als unbedingt notwendig. Jeder hat Aufgaben im Haushalt, die er etwas weniger hasst als der andere (ich habe z.b. ein Händchen fürs Aufräumen). Seid jeher bezeichnen wir uns als „Bei-Bedarf-Haushälter“. Nicht „Schöner Wohnen“ aber dafür „Schöner Leben“.

Hast du komplett freie Entscheidung über deine Handlungen, die den Tagesablauf betreffen – besonders bei Punkten wie Einkaufen, Mittagessen, Wäsche machen und Staub saugen – oder auch nicht?

Wer einkauft hat Recht. Was der andere auf den Tisch bringt (egal wie), wird gegessen. Der Wäscheberg hat sicher mittlerweile ein eigenes Bewusstsein entwickelt und krabbelt von alleine in Waschmaschine und wenn er gut drauf ist auch in den Trockner – das „Bügeln“ haben wir ihm aber ausgetrieben. Wer staub saugt vergewissert sich, das der Schwanz des Katers nicht in Nähe des Ansaugrohres liegt. Kurzum…wer bei uns „macht“, hat Recht. Hätte ich im Vorfelde das Gefühl gehabt, über Tätigkeiten und Vorstellungen während dieser Zeit nicht völlige Handlungsbefugnis und Freiheit zu haben…ehrlich? Dann würdet ihr das jetzt hier nicht lesen können.

Wie ist deine Frau mit deiner Leistung zufrieden?

😉 Sorry…das erinnert mich so an die Arbeit, das ich darauf nur antworten kann: Als qualitätszertifiziertes Familienunternehmen ist meine Frau zu regelmäßigen Mitarbeitergesprächen mit mir verpflichtet. Bisher gab es keine Klagen, wobei meine aktuelle Leistungsbeurteilung für das Quartal noch aussteht 😉 Ironie Ende.

Pleiten, Pech und Pannen gehören dazu – auch bei Mamas läuft nicht alles rund. Was war für dich die peinlichste Panne?

Peinlich waren mir unterlaufene Fehler -und die macht man als Eltern…seien wir ehrlich…doch ständig- bisher nie. Mich bringen wenige Situationen völlig aus dem Tritt. Ein Kind das ohne Ankündigung aber erst in sein Bett, dann auf den Teppich und wild durch die Bude laufend rumkotzt…das waren Situationen in denen ich um Hilfe rufen musste.
Was Peinlichkeit anbelangt: Peinlich berührt war ich einmal, als ich in eine Krabbelgruppen-Runde voller Mütter reinplatzte, die sich gerade über ihre Ehemänner ausließ. Das war dann auch das letzte Mal, das ich Mutter-Kind-Versammlungen mit meinem Sohn heimsuchte…der Wald ist uns da lieber. Auf dem Land sind Väter in Elternzeit noch eher als „Aliens“ klassifiziert 😉

Wie fühlst du dich am Abend, besonders an solchen Tagen, an denen das Kind mal so richtig mies drauf war?

Bisher blieb zum Glück (und von Zeit zu Zeit auch an richtig miesen Tagen) immer ein bisschen Restenergie um sich ins Fitnessstudio aufzuraffen, kreativen Arbeiten im Videoschnitt nachzugehen oder -falls bei meiner Frau nach dem Arbeitstag auch noch Energie bestand- Zeit für ein gemütliches Liegen auf der Couch mit Wein, Käse und anderen Leckereien. Das geht alles nicht immer mit gleich viel Elan, aber irgendwas muss der Tag dann auch noch ohne Kind für mich bereit halten. Und von einem mies gelaunten Kind lasse ich mir nicht den Feierabend versauen…was natürlich nicht immer gelingt. Was die Energie anbelangt: Manchmal muss man sich dazu dann aber auch mal zwingen, den Hintern aufzuraffen.

Was gefällt dir an deiner Elternzeit am besten?

Die frische Luft und die Natur gemeinsam mit meinem Sohn jeden Tag erleben zu können. Und unseren Wohnort -den ich sonst nur vom Schlafen und von Wochenendeinkäufen kannte- neu kennenzulernen und mit allen Facetten wertschätzen zu lernen.

Zeit für dich – hast du in deiner Elternzeit mehr, gleich oder weniger Zeit für dich selbst, zum Beispiel für Fitness, Freunde und andere Hobbies?

Das hat sich immer ein wenig gewandelt. In den ersten Lebensmonaten unseres Sohnes gab es viele Stunden in denen mein Sohn schlief und die Nachtdienste meinen Alltag nicht beeinflussten. In dieser Zeit habe ich z.B ein neues Projekt in Angriff genommen – den Outdoor-Videokanal „Wandervideoblog“ (http://www.youtube.com/wandervideoblog)…ein YouTube-Kanal für den ich Anfangs viele Videos produzieren konnte. Auch an Haus und Garten habe ich viel machen können. Als mein Sohn größer wurde, der Mittagsschlaf schrumpfte, die Nachtschichten unterschiedlich stark bestehen blieben und meine Arbeitsstelle 3 Vormittage in der Woche in Anspruch nahm, sank natürlich auch die Zeit und Energie für sich. So sank die Frequenz produzierter Videos aktuell dann auch etwas. Gleich viel Zeit für sich zu haben ist denke ich eine rechnerische Unmöglichkeit…aber im Rahmen unserer Möglichkeiten kann ich schon von einem Optimum reden. Alles andere wäre Jammern auf allerhöchstem Niveau. Manchmal sind auch wenige Minuten für sich sehr wertvoll – nur das Wertzuschätzen…das musste ich lernen.

Würdest du beim nächsten Kind wieder in Elternzeit gehen?

Dies wäre bei uns nur eine sehr theoretische Überlegung, da wir unsere Familienplanung mit unserem Sohn abgeschlossen haben. Aber nein…noch einmal würde ich es nicht machen wollen. Dafür war die Zeit doch häufig zu einsam (als Vater in Elternzeit auf dem Land fiel es mir sehr schwer Anschluss zu finden). Und unser beider Nerven wollen das nur einmal mitmachen…

Wie lautet deine Empfehlung im Bezug auf Elternzeit für andere Papas?

Was mich überrascht hat, muss jetzt nicht jedem Mann in „Langzeit-Elternzeit“ auch blühen, aber vielleicht hilft es manchen von psychologischen Entwicklungen die man(n) evt. durchmacht nicht „kalt erwischt“ zu werden: Ich halte mich für einen sehr emanzipierten Mann und dachte nie, Probleme damit zu haben a.) für das Kind zu Hause zu bleiben und einen Umweg in der Berufslaufbahn einzubauen und b.) das meine Frau die Ernährerin der Familie ist. Was besonders eigenartig ist, da sie beruflich bedingt schon immer die Besserverdienende bei uns war). Die Zeit zu Hause kratzte schon häufig am „männlichen Stolz & Ego“, welche ich vorher nur vom Hörensagen kannte. Daher mein Tipps: Wenn euch die Gefühlsachterbahn mit auf Reisen nimmt sucht euch jemanden mit dem ihr darüber redet. Die typisch männliche Aversion über Gefühle zu reden, kann sich als Zeitbombe entpuppen. Das ist weder für euch, euer Kind und eure Partnerschaft gesund.
Und noch wichtiger:
Macht euer Ding. Versucht nicht, eine Mutter zu imitieren sondern macht euch diese Zeit zu Eigen. Fragt euch nicht „was würde meine Frau jetzt machen?“. Männer und Frauen sind verschieden…warum sollen wir es mit den Kindern dann nicht auch anders angehen? Und…geht selbstbewusst an diese Zeit heran: Ihr könnt das! Zwar anders, aber genauso wertvoll für euer Kind und eure ganze Familie. Und ja…man darf einer Mutter auch widersprechen und eine eigene Meinung zu den ganzen Dingen haben, die mit Kind und Elternzeit zu tun haben. Das macht es vielleicht für alle auch vielschichtiger und interessanter. Ich wünsche viel Spaß und gutes Durchhalten.

Bist du auch Papa in der Elternzeit? Oder eine Mama, deren Mann Kind und Kegel hütet? Dann schreibe doch in den Kommentaren deine Erfahrung!

2018-01-25T13:10:15+00:006. März 2015|Allgemein, Gastbeiträge, Livestyle|0 Comments

Leave A Comment

Wertvolle Tipps zu deiner Gesundheit
Erhalte einmal im Monat wertvolle Tipps für deine Gesundheit und sichere dir mein Ebook "Die Top 10 Ernährungstipps für Gesundheit und Vitalität"
*Du kannst dich selbstverständlich jederzeit vom Newsletter abmelden
Nicht mehr anzeigen